BEWEGUNG, ERNÄHRUNG, LIFESTYLE: Annes Tipps für die Reiter-Gesundheit

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Von Henning Drath

Unseren Pferden soll es an nichts mangeln, klarer Fall. Da greifen wir neben der Versorgung mit gutem Raufutter, ausreichend Bewegung und frischer Luft auch gern nochmal extra ins Portemonnaie, um vom passenden Kraft- und Zusatzfutter über magische Elixiere, Pülverchen und Kügelchen bis hin zur schicken Wellness-Decke mit postmoderner Relax-Gurtung jeden nur denkbaren Trend mitzumachen. Aber was ist mit uns selbst? Passen die Zweibeiner, die mehr oder minder regelmäßig im Sattel Platz nehmen, auf sich selber auch ausreichend gut auf? Wir sprachen mit Anne Prilop, Fachärztin für Allgemein- und Ernährungsmedizin aus Gifhorn, zudem auch selbst begeisterte Islandpferde-Reiterin und nicht selten als rettungsbewährte Ersthelferin und erfahrene Turnierärztin im Einsatz.

HESTUR: Wir alle wollen gesunde Pferde und geben uns bei deren Pflege viel Mühe. Was beobachtest Du aber in Deinem Alltag als Ärztin, das seitens vieler Reiter zu kurz kommt, wenn es um ihre eigene Gesundheit geht?

Anne Prilop: An erster Stelle steht sicher das Thema Bewegung. Gerade in Zeiten von Corona argumentieren zwar nicht wenige, dass die Fitness-Studios geschlossen sind, aber Bewegung an der frischen Luft ist eh viel besser. Reiten ist eigentlich eine sehr einseitige Sportart, daher sollte man in jedem Falle Ausgleichssportarten haben. Viele von uns sind von Natur aus schief, daher belastet man nicht selten recht einseitig z.B. seinen Rücken oder die Knie. Und nicht wenige Reiter haben schlicht und ergreifend starke Defizite in ihrer Bauch- und Rückenmuskulatur. Haltungsschwierigkeiten kommen noch dazu, denen man ja auch nur mit gezieltem Training und einer guten und gesunden Körperspannung begegnen kann. Meine Empfehlung ist daher: einfach auch mal ohne Pferd raus an die frische Luft, sinnvolle Übungen heraussuchen und das bringt uns ja nicht nur etwas für unsere Gesundheit, damit kann man auch ganz viel Spaß haben. Ich persönlich finde neben dem körperlichen Training aber auch das mentale Training sehr wichtig. Das ist im Islandpferdesport noch nicht so sehr verbreitet, dass man sich über sein „Mindset“ als Teil des Ganzen viele Gedanken macht – und natürlich gilt das nicht nur für unsere Leistungssportler. Es täte uns allen gut, wenn wir mehr über die ruhigen Momente nachdenken, über Meditation, über autogenes Training, um den Stress herauszunehmen. Ob man einfach für sich selber solche Momente findet – allein oder mit Pferd – oder ob man bestehende Programme für die Muskelentspannung nutzt, das alles sorgt für mehr Ausgeglichenheit, die wir im Bereich Pferd und Natur tanken und dann natürlich in unseren Alltag mitnehmen können. Solche positiven Erlebnisse und ein Lifestyle, der ganz explizit Ruhepausen auf geistiger Ebene beinhaltet, helfen uns dann wiederum sehr gut auf für eine Verbesserung unserer körperlichen Gesundheit. Wenn man’s dann abrunden will, kommt natürlich noch der Bereich Ernährung dazu. Da sind wir alle ganz große Könner, uns falsch zu ernähren. Immerhin verlernen wir von Kindesbeinen an das intuitive Essen, stattdessen gibt es gewisse Normen und Erziehungsweisen, die zwar in den allermeisten Fällen das Richtige wollen, die aber nicht immer nur sinnvoll und gesund steuern und einwirken. Außerdem hat das Thema Übergewicht eine enorme medizinische Bedeutung, was nicht selten damit etwas zu tun hat, dass wir einfach keine ausgewogene Ernährung und eine zu unserem ganz persönlichen Lifestyle passende Nährstoffzusammensetzung hinbekommen. Es nimmt sich ja nicht einmal mehr jeder Zeit dafür, vernünftig und in Ruhe zu essen und – auch wenn’s vielleicht etwas komisch klingt – gut zu kauen. Genau das ist aber enorm wichtig für unsere Gesundheit. Bei unseren Pferden achten wir immer darauf, dass alles passt, und bei uns gibt’s lieber schnell und bequem die nächste Currywurst. So kann man auf Dauer leider keine Leistung bringen. Das soll jetzt aber auch nicht nur pessimistisch klingen, denn wir haben ja Mittel und Wege, diese Dinge in den Griff zu kriegen und gesünder zu leben. So abgedroschen das also klingen mag: mehr auf die eigene Gesundheit zu achten, ist und bleibt ein unverändert wichtiger Vorsatz für’s neue Jahr!

HESTUR: Nun kann ich also, um Deine Empfehlungen zu beherzigen, z.B. gute Bücher studieren oder auch online die unterschiedlichsten Ratgeber für mich erschließen. Wie könnte aber zu Beginn oder zur Begleitung solcher Schritte für jeden von uns ein ganz praktischer „Reiter-TÜV“ aussehen, um mich eben auch professionell überprüfen zu lassen?

Anne Prilop: Vorsorgeuntersuchungen sind grundsätzlich eine gute Idee, damit ich einfach beruhigt sein kann. Wenn ich über 35 bin, sollte man sowieso alle drei Jahre einen umfassenden Gesundheitscheck machen, dazu würde ich immer raten. Solche Werte wie Vitamin B12 oder Vitamin D darf man gern anschauen, ein Blutbild beim Hausarzt ist ja nicht wirklich aufwändig, gibt uns aber guten Aufschluss darüber, ob alles in Ordnung ist. Bei unseren Pferden denken wir gern „Oh, da ist bestimmt der Sattel schief“, aber wir achten viel zu wenig darauf, was wir selber mit unserem Sitz anstellen und wie schief wir „schieben“. Dazu finde ich es sehr wichtig, dass man auch selber mal zum Osteopathen, zum Physiotherapeuten oder zum Chiropraktiker geht. In den seltensten Fällen ist es nämlich der Sattel, an dem es hakt, sondern das bin ich selbst. Also heißen die richtigen Fragen: „Wo hakt es bei mir?“ und „Wo habe ich Defizite?“ oder „Wie kann ich mich behandeln lassen und lernen gegenzuarbeiten?“ Diese sportliche Seite, ein Haltungs-Training, dazu ein geeignetes Mentaltraining und die Visualisierung von Wettkampf- oder Stress-Situationen, um denen schon in der Vorbereitung effektiv entgegenwirken zu können – das alles ergibt eine Gesamtheit, auf die man sich einfach mal einlassen sollte. Im Endeffekt ist das auch gar nicht besonders aufwändig oder zeitraubend, ich muss einfach für mich ein gutes System finden und das dann möglichst natürlich in meinen Alltag einbauen. Sehr gut finde ich, wie das bei den Kadern des IPZV Nord bereits angewandt wird. Die Reiter werden physiotherapeutisch vom Profi Stefan Kluin betreut und erhalten auch viele weitere gute Tipps und Anleitungen für ihren Alltag, z.B. in Sachen Ernährung. Diese kleinen Bausteine ergeben in der Summer ein großes Ganzes, und ich finde, dass man schon jetzt bei etlichen Reitern schon jetzt eine echt gute und positive Veränderung sieht.

HESTUR: Zum Abschluss etwas ganz Praktisches. Was sollte man als Reiter aus medizinischer Sicht bei der Fahrt zum Turnier unbedingt dabeihaben?

Anne Prilop: Bevor wir zu irgendwelchen Gegenständen kommen, ist mir tatsächlich das Bewusstsein dafür ganz wichtig, was „mir als Reiter“ guttut. Bei jungen Mädels beob- achte ich nicht selten, dass die so aufgeregt sind, dass sie auf den Turnieren gar nichts es- sen. Da muss man gar nicht um den heißen Brei herumreden: nichts zu essen ist einfach schlecht, denn sonst sind Körper und Geist massiv geschwächt! Man sollte, genau wie zu Hause, auch in der Wettkampf-Situation auf regelmäßige Mahl- zeiten achten. Das kann natürlich mal die vorhin schon angesprochene Currywurst sein, aber eben nicht ausschließlich. Am besten nimmt man sich einfach vernünftige Sachen von zu Hause mit. Dazu kommt, dass man regelmäßig etwas trinken muss. Das Allerbeste ist tatsächlich Mineralwasser. Mir begegnet es als Turnierarzt echt häufig, dass die Leute umkippen, weil sie zu wenig trinken. Und das muss ja nun wirklich nicht sein … Die nächsten Tipps bedenkt man vielleicht im Alltag eher selten, ich finde aber, dass sie enorm helfen können. Eine richtig gute Sache sind die sog. Faszienrollen oder gern auch etwas Anderes zur ganz einfachen Selbstmassage und zur ganz tollen Regeneration der eigenen Körpermuskulatur. Dabei verbindet man etwas für die Gesundheit mit hohem Wellness-Faktor. Und dann sollte man noch daran denken, sich die Turnier-Situation auch ganz grundsätzlich so komfortabel wie möglich zu gestalten, was für mich bedeutet: ich nehme mir ein Stück Zuhause mit. Ob das ein Kopfkissen ist, die Lieblingsdecke oder was auch immer. Mein Stück Zuhause hilft mir, einen Schritt zurückzutreten von der Anspannung vor Ort. Man unterschätzt die Stress-Situation, mit der sogar unsere Profis regelmäßig zu kämpfen haben. Und der Körper kann Stress nur bewältigen, wenn wir ein gesundes Gegengewicht bereithalten. Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, wie viele vermeintlich rein körperliche Erkrankungen eine zusätzliche psychische und psychosomatische Komponente haben. Das wird häufig unterschätzt. Schon unseren Pferden muten wir gewaltigen Stress zu und versuchen das mit ziemlichem Aufwand zu kompensieren, dabei denken wir aber eindeutig zu selten daran, was diese Situation auch mit uns macht. Zum Schluss noch ein letzter Tipp und dafür benötige ich weder Trainingsgeräte noch Arztbesuche oder Medizin: wir alle brauchen unseren Schlaf, und dafür sollten wir lernen, uns schon zu Hause, aber auch auf Ausflügen oder Turnieren den erforderlichen Freiraum zu schaffen. Schlafmangel zehrt an unseren Kräften – körperlich und seelisch – und ausgeruht geht alles einfach besser!
HESTUR: Ganz herzlichen Dank für die wertvollen Einblicke und Anregungen.

Anne Prilop ist Fachärztin für Allgemein- und Ernährungsmedizin und betreibt ihre seinerzeit von Vater Bernd gegründete Praxis in Gifhorn bei Wolfsburg.